In langjährigen Beziehungen bleiben

In langjährigen Beziehungen bleiben

In letzter Zeit habe ich immer wieder Menschen in meiner Beratung, die sich fragen, ob sie in ihren langjährigen Beziehungen bleiben sollen oder nicht. Sie denken schon lange, dass sie eigentlich gehen müssten.
Unzufrieden, einsam und unglücklich, trennen sie sich aber trotzdem nicht. Obwohl sie spüren, dass es so nicht weiter geht, wissen sie nicht, was sie ändern können. Hinzu kommt, dass sie sich für feige halten, weil sie den Absprung nicht schaffen. 

Aber ist es wirklich Feigheit, die sie in den Beziehungen hält?

Verbundenheit in langjährigen Beziehungen

Mit den Jahren einer Beziehung wächst die Verbundenheit. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Nähe inniger wird oder die Liebe stärker. Die beiden Menschen wachsen einfach immer enger zusammen.

Neben der sichtbaren Verbundenheit, wie die gemeinsamen Kinder, das Haus oder der Nachname entsteht auch ein unsichtbares Band zwischen den beiden. Werner Tiki Küstenmacher machte das auf einem Kongress, an dem ich teilnahm, sehr schön deutlich. Er zeichnete zunächst zwei Menschen, die jeweils auf einer eigenen einsamen Insel saßen. Die beiden waren ein Paar aber sie nahmen den anderen kaum noch wahr, erreichten ihn nicht. Es war deutlich zu sehen, dass sie einsam waren auf ihren Inseln. Auf dem zweiten Bild sah man dann, was unter der Wasseroberfläche war. Dort konnte man sehen, dass beide Inseln lediglich die Spitzen eines einzigen Eisbergs waren. Sie waren also trotz Einsamkeit zutiefst verbunden. 

Diese Verbundenheit in der Tiefe zeigt sich manchmal erst in dem Moment, in dem ein Paar beginnt über eine Trennung nachzudenken. Wie gesagt, sie zeigt sich nicht unbedingt als Nähe oder Liebe, sondern durchaus auch als Kette, die sie aneinander fesselt.

Wenn es ein Paar in so einer Situation schafft, gemeinsam zu mir in die Beratung zu kommen, geht es erstmal darum, diese tiefe Verbundenheit mit dem anderen zu entdecken.

Das Paar hat sich auseinander gelebt, sexuell läuft nichts oder nur wenig und zu sagen haben sie sich schon lange nichts mehr. Bei einem Tauchgang in die Tiefe ihrer Beziehung entdecken sie dann Ereignisse und Erlebnisse, die sie bis heute fest aneinander binden. Hier in der Tiefe ist kein Paar gleich, dort findet sich ihre ganz individuelle Geschichte. Ein Blick lohnt sich! 

Alte Trennungen 

Es sind nicht nur die positiven Ereignisse, die ein Paar aneinander binden. Ebenso wirken Verlust und Trennung oder gar die Umstände, unter denen sie zusammen gefunden haben, sehr tief.

So kam zum Beispiel ein Paar zu mir und bat um Hilfe, weil sie sich nichts mehr zu sagen hätten. Vor allem der Mann war eindeutig auf dem Sprung zur Trennung.
Als sich die beiden kennenlernten und ineinander verliebten, verließ die Frau für diese neue Liebe ihren Ex- Mann und sogar den damals 12jährigen Sohn. Es stellte sich heraus, dass sie sich deshalb immer noch Vorwürfe machte. Dabei war das schon über 20 Jahre her. Dem Sohn ging es heute gut und der Kontakt zu ihm war entspannt.
Trotzdem durfte die jetzige Beziehung auf keinen Fall scheitern, denn dann wäre der dramatische Schritt von damals völlig umsonst gewesen. Und so hielt sie an der Beziehung fest, obwohl beide unglücklich waren. Es wirkte fast so, als würde sie sich durch das Unglück in der Beziehung für die damalige Situation bestrafen. 

Dieser Moment der Wahrheit, in dem vor allem sie erkannte, warum sie in der Beziehung blieb, machte es möglich, über neue Wege nachzudenken. Ihr krampfhaftes Festhalten hatte der Beziehung über die Jahre die Luft zum Leben genommen. Als sie in einigen Sitzungen die damalige Situation aufarbeiten konnte und auch Verständnis für sich selbst entwickelte, wurde sie viel entspannter, aber auch traurig.

Romantische Liebe

Wenn ein Paar nach Jahren der unglücklichen Beziehung den tieferen Grund erkennt, der sie aneinander bindet, sind sie meistens enttäuscht. Das romantische Bild der Liebe steht ihnen im Weg. Schließlich ist ihre eigene Beziehung weit davon entfernt. Und so kommen sie zu dem Schluss, dass sie sich deshalb wohl besser trennen sollten. Dabei kann es sein, dass sie sich erstmal von der romantischen Vorstellung trennen sollten und dann vielleicht von der Beziehung, vielleicht aber auch nicht.

Hinter der Sehnsucht nach der romantischen Liebe, wie sie im Fernsehen oder Kino gezeigt wird, steckt sehr häufig etwas ganz anderes.

  • Manchmal ist es eine alte Sehnsucht, die noch aus der Kindheit stammt, als die Eltern sich trennten.
  • Es kann auch die Sehnsucht nach einem verlorenen Geschwister sein oder nach einem anderen Familienmitglied, das früh verstarb. 
  • Aber auch frühere Paarbeziehungen können eine Sehnsucht hinterlassen, weil kein Mensch wieder an diese Liebe heran reichen konnte.

Wenn diese Sehnsucht erkannt und auch zugeordnet wird, gelingt es manchmal, die Liebe zueinander wieder zu entdecken.

So hat sich das Paar am Ende sogar dafür entschieden, endlich das Hochzeitsfest nachzuholen, das sie damals nicht gefeiert haben, weil sie sich insgeheim für die neue Liebe schämten. 16 Jahre nach der offiziellen Eheschließung, konnten sie endlich wirklich zueinander stehen!

Das war möglich, weil sie erkannten, was sie so krampfhaft aneinander band. Als dann zunächst die Möglichkeit der Trennung immer näher rückte, entschieden sie sich ganz neu wieder füreinander. Das ist natürlich nicht immer so, aber gar nicht so selten.

Unterschiede in langjährigen Beziehungen

Häufig sind es aber nicht beide Partner, die zu mir kommen, sondern lediglich einer von beiden. Dann ist selbst eine Kommunikation über das gemeinsame Unglück in der Beziehung nicht mehr möglich. Egal, ob es der Mann oder die Frau ist, meistens sind sie ziemlich enttäuscht von ihrem bisherigen Leben und die Phase der Unzufriedenheit währt schon lang.

Irgendwann gab es in ihrer Beziehung einen Moment, an dem sie dachten, es sei besser zu gehen. Doch sie blieben und seitdem begleitet sie der Gedanke an eine Trennung. Sie haben versucht mit dem anderen darüber zu sprechen und es gab zwischendurch auch immer wieder gute Phasen. Doch der Gedanke, dass sie lieber gehen sollten, hat sie nie ganz losgelassen.

Jetzt kommt es darauf an, dass sie Lust haben heraus zu finden, warum sie geblieben sind.

So war es zum Beispiel für eine Frau in meiner Beratung unerträglich, dass ihr Mann sehr akribisch für Ordnung sorgte. Sie hasste dieses Verhalten von ihm, schließlich sollte es im Leben nicht darum gehen, besonders wenig Unordnung zu machen. Sie selbst hielt sich für eine kreative Chaotin und sie fragte sich, wie sie sich nur in so einen Ordnungsfanatiker verlieben konnte. Ganz sicher war er nicht von Anfang an so, sonst wäre ihr das doch nicht passiert?

Damit hat sie wahrscheinlich sogar recht. Auch dieses Phänomen entsteht in langjährigen Beziehungen im Laufe der Zeit. Jeder delegiert eine ungeliebte Eigenart an den anderen.

So konnte sie sich von der Ordnungsliebe distanzieren und ihr Selbstbild einer kreativen Chaotin aufrecht erhalten, ohne dabei im Chaos zu versinken. Beide bedienten dasselbe Muster und die vermeintlichen Unterschiede entpuppten sich als Gemeinsamkeit, die sie verband. Es ging um zwei Seiten derselben Medaille, jeder befand auf der jeweils anderen Seite als der Partner. Der Gedanke, ohne die andere Seite der Medaille viel freier zu sein, war verlockend und dennoch trügerisch.  

Sind diese Muster erstmal erkannt, können sie unterbrochen werden. Die „Hausaufgabe“ für diese Frau war dann, zunächst an einem kleinen Ort in der Wohnung für akribische Ordnung zu sorgen. Einfach so und ohne mit ihrem Mann darüber zu sprechen.

Sie wählte den gemeinsamen Kleiderschrank, den ihr Mann immer wieder beklagte. Es fiel ihr unglaublich schwer aber sie blieb am Ball. Wichtig war, dass sie es nicht tat, um ihrem Mann irgendwas zu beweisen. Sie tat es für sich, um heraus zu finden, was passierte, wenn sie einmal auf die andere Seite der Medaille wechselte. Natürlich war ihr Mann erstaunt, kommentierte ihr Aufräumen zunächst mit zynischen Sprüchen.

Aber für die Frau ging es jetzt nicht mehr darum, den anderen zu ändern oder loszuwerden. Es ging um ehrliches Interesse für die andere Seite der Medaille. Ihr Mann spürte, dass etwas Anderes im Gang war als sonst. Als sie ihn dann auch noch um Rat fragte, wollte er zunächst in den gewohnten Streit über Ordnung ausweichen. Sie machte nicht mit und er merkte, dass sie ehrlich interessiert an seiner Hilfe war.

Langsam wurde zwischen ihnen etwas weicher und andere Gespräche wurden möglich. Endlich nach Jahren des ewig Gleichen geschah etwas Neues.

Neue Wege gehen

Natürlich können tiefe Erkenntnisse in der Beratung auch in die andere Richtung führen. Es kommt Bewegung in die Beziehung und der Austausch zwischen ihnen verändert sich. Vielleicht gelingt es ihnen, den Austausch von Gemeinheiten, (Selbst)Vorwürfen und Langeweile zu stoppen.

Oder sie stellen fest, dass es doch an der Zeit ist, getrennte Wege zu gehen. Dann wissen sie aber auch, dass sie alles versucht haben und gehen ohne Zweifel.

Mein Angebot

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1 Comment

  • Sun

    Reply Reply 14. Oktober 2018

    Tolles Thema, danke für Ihre Gedanken und Einblicke!

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