Liebe und Narzissmus

Narzisst

Eine Teilnehmerin des Aufstellungskongresses fragte mich, ob es möglich sei, eine gute Beziehung mit einem Narzissten zu führen. Ein spannende Frage, die mich seitdem beschäftigt. Dieser Blogartikel ist der Versuch einer Antwort.

Was ist eigentlich ein Narzisst?

Es ist mir ein besonderes Anliegen zu erwähnen, dass wir vorsichtig damit sein müssen, andere als Narzissten zu benennen, ihnen also ein Etikett umzuhängen. Wir machen eine echte Begegnung durch diese Urteile immer schwerer, weil wir erwarten, dass sich der andere so verhält, wie sich eben ein Narzisst verhalten würde. Oft werden wir dann in unseren Annahmen bestätigt aber eine weitere Entwicklung der Beziehung wird dadurch verhindert.

Trotzdem kann es nicht schaden, mal genauer zu gucken, woher denn diese Bezeichnung kommt und wie sich jemand verhalten muss, damit er als Narzisst bezeichnet werden kann. Wie gesagt, dienlich ist es der Beziehung oftmals nicht.

Der Begriff stammt aus der griechischen Mythologie und beschreibt den Jüngling Narziss, der von so wunderbarer Schönheit war, dass sich alle Menschen in ihn verliebten. Er selbst aber erwiderte diese Liebe in keinem Fall. Dafür wurde er dann von den Göttern bestraft! Die Strafe war, dass er sich in sein eigenes Spiegelbild im Wasser verliebte. Dieses Spiegelbild wiederum war natürlich nicht in der Lage, die Liebe des Narziss zu erwidern. Eine traurige Situation, die dann auch ein trauriges Ende fand. Narziss ertrank in eben jenem Wasser, das zuvor sein Antlitz widerspiegelte, als er versuchte diesem Spiegelbild nah zu sein.

Auf die moderne Welt übertragen, kann man sagen, dass ein Narzisst jemand ist, der zwar geliebt werden kann, dem es aber unmöglich ist, diese Liebe zu erwidern. Er steckt fest in der Selbstliebe. Natürlich gibt es keinen Menschen, der nur und ausschließlich ein Narzisst ist. Es gibt aber immer wieder Menschen, die Anteile davon haben. Menschen, die sich IMMER an die erste Stelle stellen und die andere Menschen als „Fanclub“ benutzen. Meist sind sie sehr charismatisch und ziehen andere in ihren Bann. 

Der Narzisst selbst wird kaum unter der Situation leiden, zumindest nicht in jungen Jahren. Erst später, wenn immer mehr Beziehungen enden und sich sogar die besten Freunde nach einiger Zeit abwenden, wird es einsam um den narzisstischen Menschen. Aber die Einsicht, dass es an ihm liegen könnte, liegt immer noch in weiter Ferne, denn der Narzisst sieht die Fehler der anderen aber keinesfalls seine eigenen. Selbstkritik ist für ihn einfach nicht möglich. Es gibt kaum einsamere Menschen als wahre Narzissten.

Was kann dem Narzissten helfen?

Vielfach wird behauptet, die Behandlung einer narzisstischen Störung sei schwer, weil der Leidensdruck kaum gespürt wird. In dem Buch von Peter Orban „Symbolon in der Partnerschaft“  finde ich aber doch noch einen Ansatz dazu:

„Die Lösung liegt natürlich in der Beziehung des Narzissten zu den eigenen Eltern. Denn eigentlich hat sich das Geben und Nehmen verschoben. Der Narzisst kann nur Nehmen, denn ihm steht selbstverständlich alle Liebe zu, ohne dass er dafür etwas zurück geben müsste. Das undankbare Kind im Narzissten muss verstehen lernen, dass es von den Eltern alles bekommen hat, was möglich war und es muss demütig werden. Und manchmal muss es auch erkennen, dass bei den Eltern nicht mehr zu holen war und dass sie trotzdem alles gegeben haben. Und dann muss dieses Kind innerlich spüren: Es war genug! Es war vielleicht nicht viel aber es hat ausgereicht. Und wenn es dann noch danken kann dafür und zurück findet zu der Liebe, die es innerlich mit den Eltern verbindet, hat es auch eine Chance auf eine Partnerschaft. Wer seine Eltern sieht, in dem, was sie gegeben haben, der sieht auch seine Partner. Nicht nur mit den Augen, sondern diesmal mit dem Herzen.“

Was kann der Partner eines Narzissten tun?

Die Frage, die diesem Blogartikel zugrunde liegt, kam natürlich nicht von dem Narzissten selbst, sondern von der Partnerin eines Narzissten.  Wir können einen Narzissten weder zwingen, sein Verhalten als Fehler zu sehen, noch können wir ihn zwingen, uns zu lieben. 

Wir haben lediglich die Möglichkeit, heraus zu finden, warum wir selbst gerade diesen Menschen lieben. Einen Menschen, der offensichtlich wenig zu geben hat. Vielleicht sind wir heimlich der Meinung, selbst nicht viel verdient zu haben? Oder wir denken, dass wir nicht viel brauchen, weil wir schon alles haben.

Natürlich hat auch ein Narzisst positive Eigenschaften und Talente und es ist sehr wahrscheinlich, dass wir uns genau in diese Eigenschaften verliebt haben. Wir dürfen einen Narzissten problemlos lieben, er wird sich nicht dagegen wehren. Aber wir dürfen von ihm nichts als Gegenleistung verlangen. Dieses Ungleichgewicht macht uns auf Dauer jedoch unglücklich. Wir werden einsam und traurig neben diesem Menschen, der nichts zu geben hat. 

Die einzige Rettung liegt nun darin, das Großartige in uns selbst zu finden. Wir konnten es im anderen nur sehen, weil wir es selbst in uns tragen. Das ist ein Naturgesetz. Das gilt allerdings auch für den Egoismus, den wir eventuell im anderen sehen. Auch diesen tragen wir in uns und auch diesen können wir nur hier in uns selbst verändern.

Wenn wir es schaffen, uns selbst zu lieben und uns Gutes zu tun, dann sind wir in der Lage, die Liebe, die uns zusteht auch zu empfangen. Dafür brauchen wir Zeit! Gut ist es, überhaupt damit anzufangen, heraus zu finden, was wir selbst brauchen, um glücklich zu sein. Überhaupt damit anzufangen, uns selbst zu lieben, bedeutet herauszufinden, was uns selbst wirklich gut tut. Und dann auch etwas dafür zu tun, dass diese Dinge in unserem Leben stattfinden.

Was dabei hilft, ist wahrzunehmen, was der andere in uns selbst auslöst? Was können wir nur durch den anderen in uns spüren? Wenn wir beginnen, die Lösung in uns selbst zu suchen, dann stellen wir vielleicht fest, dass die Trennung vom Narzissten die einzige Lösung ist.  Das erfordert Mut und Klarheit. Und manchmal ist genau diese Trennung der erste Schritt aufeinander zu und die erste echte Begegnung.