Nähe und Distanz – so entsteht Bindung

naehe und distanz

Manche Paare lieben sich und trotzdem gelingt der Umgang mit Nähe und Distanz nur sehr schwer. Sie gehen nach der ersten Liebe wieder auseinander und verzehren sich danach aber noch lange vor lauter Sehnsucht nach dem Ex-Partner. Oder sie führen eine ständige on-off-Beziehung, die sehr viel Kraft und Nerven kostet. Und sogar dann, wenn sie es schaffen zusammen zu bleiben, kommt es zu anstrengenden Nähe-Distanz-Problemen mit ständigen gegenseitigen Vorwürfen.

Oft ist das ein Zeichen, dass einer von beiden oder sogar beide Partner kein sicherer Bindungstyp ist. Wenn z.B. der Mann ständig alles mit der Partnerin zusammen machen möchte oder die Frau, immer erwartet, dass ihr Partner ihr auf alle möglichen Arten seine Liebe zeigt. Der andere will hingegen die Freiheit und auch etwas allein unternehmen oder ist hilflos vor der Bedürftigkeit der Partnerin. In beiden Fällen sind meistens beide Partner unzufrieden und genervt. Die Trennung scheint unausweichlich. Hier hilft ein Blick auf die Bindungstheorie.

Denn die Ursache für diese Phänomene können unterschiedliche Bindungstypen sein. Bereits in den 50er Jahren wurde von den Wissenschaftlern John Bowlby, James Robertson und Mary Ainsworth die Bindung zwischen Kleinkindern und ihren Bezugspersonen erforscht und unterschiedliche Verhaltensweisen ausfindig gemacht. Diese Bindungstheorie gehört heute zu den etablierten Theorien innerhalb der Psychologie und wird seit den 1990er Jahren stetig weiterentwickelt. Hauptsächlich geht es dabei, wie gesagt, um die Bindung von Kindern an ihre Bezugspersonen.

Aber aus Kindern werden Menschen und diese binden sich dann in Paarbeziehungen nach einem ganz ähnlichen Typ. Denn mittlerweile wissen wir, wie prägend die ersten Beziehungserfahrungen für unser späteres Verhalten in Partnerschaften ist. Entdeckt haben die Forscher diese vier verschiedenen Bindungstypen, die unser Nähe und Distanz Verhalten prägen:

Sichere Bindung

Das ist mit 60 – 70 % der Bevölkerung zum Glück die häufigste Variante, die entsteht wenn wir uns als Kind auf unsere Bezugspersonen verlassen können. Menschen mit diesem Bindungstyp sind meist in der Lage angemessen auf Nähe und Distanz zu reagieren. Natürlich können auch diese Bindungstypen mal Pech in der Liebe haben, aber sie halten selten an Beziehungen fest, die ihnen nicht gut tun und verlieben sich auch nicht ständig in die „Falschen“.

Unsicher vermeidende Bindung

Rund ein viertel der Bevölkerung entwickelt nach neuesten Forschungsergebnissen den Typ „unsicher vermeidende Bindung“. Durch häufige Zurückweisung in früher Kindheit entwickelt dieser Typ eine Unabhängigkeit, die sich für den Partner wie ständige Zurückweisung anfühlt. Dieser Bindungstyp wirkt unnahbar und sehr freiheitsliebend.  Es gelingt ihm nur schwer, Gefühle zu zeigen oder darüber zu sprechen. Zur Frage von Nähe und Distanz entscheidet er sich häufiger für Distanz.

Unsicher ambivalente Bindung

Dieser Bindungstyp entsteht durch unberechenbare und oft wechselnde Bezugspersonen in der Kindheit. Deshalb benötigt dieser Typ immer wieder die Bestätigung und Versicherung des anderen, dass er noch geliebt wird. Zu diesem Typ gehören ungefähr 15 % der Bevölkerung. Sie leben in ständiger Sorge, der Partner könnte sie nicht genug lieben oder bald verlassen. Sie sind innerlich dadurch in einem ständigen Stress. Bei der Frage nach Nähe und Distanz wählt dieser Typ am liebsten die Nähe.

Desorganisierte Bindung

Zu diesem Bindungstyp kommt es, auf Grund von ständiger Zurückweisung bis hin zum Missbrauch und Gewalterfahrung in der Kindheit. Aber auch wenn sich Kinder viel zu früh um kranke oder leidende Eltern kümmern müssen, entwicklen sie ein Gefühl nicht wichtig und wertvoll zu sein. Später lassen sie dann in Beziehungen „alles“ mit sich machen, bis hin zu erneuter Missbrauchserfahrung. Dieser Typ hat oft nicht das Gefühl, selbst über Nähe und Distanz entscheiden zu können.

Wie finden wir heraus welcher Bindungstyp wir sind?

Meistens wissen wir es selbst, weil wir immer wieder Probleme in Beziehungen haben, ahnen wir, dass wir irgendwie ein Problem mit Nähe und Distanz haben. Aber oft ist es hilfreich Freunde zu fragen, wie sie uns erleben. Gute Freunde können das besser wahrnehmen und wenn sie wirklich gute Freunde sind, dann haben sie auch den Mut zu sagen, wie sie uns erleben. Natürlich kann es auch ein Hinweis auf eine Bindungsstörung sein, wenn wir immer wieder „Pech“ in Beziehungen haben.

Hier sind noch ein paar Testfragen, die darauf abzielen heraus zu finden, wie bindungssicher wir sind. Wenn wir alle diese Punkte mit ja oder meistens beantworten können, dann sind wir auf jeden Fall der sichere Bindungstyp.

  • Ich kann mich gut auf den Partner einlassen und eine stabile Beziehung führen
  • Ich stehe meinem Partner auch in Notsituation bei
  • Mir fällt es leicht mich meinem Partner zu öffnen, Schwäche zu zeigen und auch um Hilfe zu bitten
  • In meinen Beziehungen gibt es meistens ein starkes „Wir-Gefühl“ und Zusammenhalt
  • Ich kann in einer Beziehung viel Wärme und Nähe geben

Aber auch die anderen Bindungstypen müssen nicht zur Beziehungsunfähigkeit führen,  denn es geht ja darum, sich innerhalb einer Partnerschaft  weiter zu entwickeln und füreinander da zu sein. Genau dafür sind unsere intimen Beziehungen wunderbar geeignet. Wenn wir wissen, dass wir der unsichere oder sogar desorganisierte Bindungstyp sind, können wir vor allem mit unseren eigenen Reaktionen verständnisvoller umgehen aber auch die des Partners oder der Partnerin besser einordnen.

Wir wissen auf einmal, warum wir so fühlen wie wir fühlen und wir lernen immer mehr darüber, was wir selbst brauchen, damit Bindung und Beziehung wirklich gelingt. Denn durch positive Erfahrungen können wir auch als Erwachsene noch Bindungssicherheit entwickeln und lernen mit Nähe und Distanz gut umzugehen. Unser Gehirn ist bis ins hohe Alter lernfähig. Gelingt es allerdings gar nicht, kann eine Therapie nötig sein. So oder so lohnt es sich heraus zu finden, welche Menschen einem gut tun und ein Gespür für die eigenen Nähe und Distanz Bedürfnisse zu entwicklen, denn niemand ist gerne einsam.

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