Wer recht hat – hat verloren

recht hat

In vielen teilweise endlosen und für alle nervigen Diskussionen zwischen Beziehungspartnern geht es darum wer recht hat.

Wer recht hat, hat verloren

Vor ca. 10 Jahren habe ich diesen Satz in einem Seminar gehört und ich habe ihn seitdem nicht vergessen. Das bedeutet nicht, dass ich ihn verstanden habe oder dass ich denke, dass er richtig ist. Aber es ist doch auffällig, dass er mir immer noch im Kopf herum geistert. Und weil mir dieser Satz gerade erst wieder bei einer Beratung in den Sinn kam, entschied ich mich, mal genauer hinzugucken.

Immer wenn ich etwas besser verstehen will, schreibe ich einen Blogartikel darüber. Auf geht’s

Wer hat recht Britta oder Rico?

„Wer recht hat, hat verloren“ dachte ich, als ein Paar in der Beratung heftig in Streit geriet. Hier der kleine Ausschnitt  aus dem Gespräch zwischen Britta und Rico, die beiden sind seit 11 Jahren verheiratet und aktuell in der Krise aus verschiedenen Gründen.

Britta: „Du hast mich allein gelassen, als die Kinder noch klein waren. Sogar als Luna geboren wurde und Mike gerade mal 3 Jahre alt war, musstest du diesen Auslandsauftrag annehmen. Ich war damals fast bewusstlos vor Schlafmangel und wenn du dann nach Hause kamst, brauchtest du erstmal Ruhe wegen Jetlag und Stress in der Arbeit.“

Rico: „Natürlich habe ich den Auftrag angenommen. Wir brauchten Geld, wie hätten wir denn sonst unseren Lebensstandard gehalten. Du wolltest ja nicht mehr arbeiten gehen.“

Dieser Gesprächsausschnitt ist typisch und kommt mit wechselnden Ursachen eigentlich in jeder „guten“ Beziehung vor. Meist werden gegenseitige Vorwürfe voller Zorn oder mit vielen Tränen vorgebracht und es sieht so aus, als wäre diese Beziehung endgültig vorbei. Aber dahinter stecken Emotionen, die zeigen, dass tatsächlich genau das Gegenteil der Fall ist. Sie sind sich nämlich zu nah und geben dem jeweils anderen viel Macht über das eigene Glück.

Recht haben und ein möglicher Ausgleich

Aber wer hat hier recht? Und spielt das überhaupt eine Rolle? Wenn Britta recht bekommt und damit die Bestätigung, dass Rico Schuld ist an der längst vergangenen Situation und dass er jetzt für einen Ausgleich sorgen muss, wird er das wahrscheinlich nicht freiwillig tun. Nehmen wir an, Rico sieht es plötzlich auch so und denkt, ja stimmt, das war damals wirklich nicht fair, ich habe Britta im Stich gelassen und ihr allein die Verantwortung für unsere Kinder überlassen, ich schulde ihr etwas. Dann hat also Britta recht und bekommt im besten Falle sogar einen Ausgleich von Rico.

Was verliert derjenige der recht hat?

Wenn aber wer recht hat, verloren hat, suchen wir mal danach was Britta in so einem Fall verloren hat. Sie hat auf jeden Fall die Chance verloren, ihren eigenen Anteil an der damaligen Situation zu sehen. Sie hat jetzt keine Möglichkeit mehr, Rico’s Situation zu sehen und sein Handeln wert zu schätzen. Damit hat sie den Moment tiefer Begegnung und Verständnis füreinander verschenkt. Was sie stattdessen bekommt ist ihr recht und einen Ausgleich und natürlich eine gewisse Befriedigung. 

Fällt das Urteil nun anders aus und Rico hat recht mit seiner Haltung, dann bräuchte es keinen Ausgleich, denn er hat ja damals schon das getan, was er für richtig hielt. Er könnte sich auf die Schulter klopfen und zurück lehnen. Britta würde ihm recht geben und aufhören, die Situation von damals noch einmal als Vorwurf gegen Rico zu erwähnen. Schauen wir doch mal, was Rico dann verloren hat. Es ist eigentlich genau das gleiche, auch er verliert die Chance, Britta zu verstehen und in eine tiefe Beziehung zu ihr zu gehen.

Das Kleid oder wer hat recht

Okay, nehmen wir ein Beispiel in dem es weniger um das Gefühl geht, sondern um ganz klare Fakten, wie z.B. die Farbe eines Kleides. Erinnert ihr euch noch an dieses Kleid, das entweder weiß gold oder blau schwarz gestreift war? Wer das verpasst hat, kann hier noch einmal nachgucken – und sich mit den Familienmitgliedern oder Kollegen darüber streiten, welche Farbe dieses Kleid hat. 

Bei uns zu Hause war es jedenfalls so, dass alle anderen behauptet haben, das Kleid sei schwarz blau und nur ich habe ganz deutlich ein weiß goldenes Kleid gesehen. Und natürlich waren sich alle sicher, recht zu haben. Der Gruppenzwang kam hinzu, es stand drei gegen eins. Ich war die eins, also hatten die anderen recht und ich nicht. In dem Moment fühlte ich mich nicht so als hätte ich gewonnen. Ist es also doch umgekehrt?

Wer recht hat, hat gewonnen? 

Die Sache mit dem Kleid konnte ich natürlich nicht einfach so stehen lassen und ich machte mich auf die Suche nach einer Erklärung für das Phänomen. Die anderen brauchten keine Erklärung, sie hatten ja recht.  Wer recht hat, interessiert sich nicht weiter für das Thema.  Aber ich wollte mehr wissen und fand heraus,  dass die Farbwahrnehmung von der Helligkeit der Umgebung abhängt und dass das Gehirn unbewusst entscheidet, welches Licht es wahrnimmt. Am Ende hatten die anderen eben doch verloren, nämlich das Interesse am Thema und eine neue Erkenntnis. Ich hatte unrecht und gewonnen.

Hört auf recht haben zu wollen

Und noch ein Fall. Eine Klientin kam allein zu mir in die Beratung. Sie war sehr in dem Gefühl, dass ihr Mann ihr nicht gut tat. Und alles was sie so erzählte, klang auch wirklich nicht gut. Sie hatte recht. Aber ich wollte sie nicht verlieren lassen. Also bat ich sie darum, darauf zu verzichten, recht zu haben und fragte, was wäre, wenn alles, was sie über ihren Mann erzählte nicht stimmt? Was bliebe dann übrig? Nach und nach erkannte sie ihren eigenen Anteil und den Spielraum, den sie hatte. Sie hatte nach der Sitzung zwar nicht mehr recht aber sie hatte gewonnen.

Tja, hatte ich jetzt recht gehabt damit, sie so zu beraten und also verloren? Ich weiß es nicht. Bitte erzählt mir von euren Erfahrungen mit diesem Thema, denn der Satz beschäftigt mich nach wie vor. DANKE

2 Comments

  • Till Kurbjuweit

    Reply Reply 15. September 2016

    Brittas Vorwurf, Rico habe sie allein gelassen, als die Kinder klein waren, kommt mir sehr bekannt vor. Aus meiner ersten Ehe. Einen sehr ähnlich lautenden Vorwurf machte mir meine Frau wieder und wieder. Zusätzlich ging es noch darum, dass sie mir vorwarf, ich habe sie gegen meine Mutter nicht in Schutz genommen. Sie hatte Recht, absolut Recht. Das Dumme war nur, dass die Geschehnisse schon zehn Jahre zurück lagen und ich natürlich keine Chance hatte, das gut zu machen. Vorbei ist vorbei.
    Heute wüsste ich (möglicherweise bzw. hoffentlich) besser mit so einer Situation umzugehen: ihr Verständnis zeigen, Mitgefühl, sie in den Arm nehmen, ihr zeigen, dass es mir sehr leid tut, damals nicht anders gehandelt zu haben.

    Damals konnte ich das aber nicht. Zum einen war ich in meiner persönlichen Entwicklung noch nicht so weit, zum anderen waren die Vorwürfe in einer derart aggressiven, niedermachenden Art vorgetragen worden, dass ich automatisch in Verteidigungshaltung ging. Meine Frau fühlte sich absolut im Recht und kostete es aus, mich im Unrecht zu sehen. Was sie verloren hat, ist klar: mich. Nicht sofort, aber im Laufe der Jahre.

    Das Beispiel mit dem Kleid liegt auf einer anderen Ebene. Das sind diese Rechthabereien, wo es eigentlich für nichts wichtig ist, welche Meinung nun die wahre ist. Da habe ich gelernt, wenn ich schon mal in sowas hineinrutsche (kann passieren!), mich zu fragen, was zu gewinnen ist, wenn ich mich mit meiner Auffassung durchsetze, wenn ich meinetwegen „beweise“, dass ich recht habe. Wem oder was kann das nützen oder dienen, was kann ich Gutes damit erreichen? Und wenn ich darauf keine eindeutige Antwort finde, dann lasse ich es bleiben, verzichte auf die Forcierung meiner Version, auch, wenn ich innerlich weiterhin meine, dass sie die richtige ist. Manchmal ist das gar nicht leicht.

    Gewinne ich etwas? Ja. Es gibt da diesen alten platten, volksmundigen Satz: „Du hast Recht und ich habe meine Ruhe.“ Moderner ist die Frage, die heute im Schwange ist: „Willst du Recht haben oder glücklich sein?“
    Viele wollen beides. Geht aber nicht.

    • Manuela

      Reply Reply 15. September 2016

      Hallo Herr Kurbjuweit,
      Danke für diesen ausführlichen Kommentar und die weiteren sehr hilfreichen Ausführungen über die Frage, was es bedeutet recht zu haben. Sie machen es noch einmal viel klarer. Vielen herzlichen Dank.

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