Beziehungsstress überwinden

Wer kennt keinen Beziehungsstress?

Es gibt wohl kaum einen erwachsenen Menschen, der nicht weiß, was mit Beziehungsstress gemeint ist und der ihn nicht selbst schon mal erlebt hätte. Warum haben wir in unseren Partnerschaften so oft eigentlich nichts Besseres zu tun, als uns gegenseitig zu stressen?

Liegt es daran, dass wir es gewohnt sind im Stress zu sein? Es ist ja schon fast uncool zu entspannt zu sein. Wir denken, wenn wir Stress haben zeigen wir, dass wir uns ganz besonders anstrengen, dass wir gebraucht werden, dass wir wichtig sind in der Gesellschaft. Wer keinen Stress hat, wird komisch angeguckt und nicht so ernst genommen oder gleich als faul verurteilt.

Also haben wir sogar lieber Beziehungsstress als einfach nur eine ganz normale Beziehung mit einem ganz normalen Menschen.

Chronischer Stress wirkt sich allerdings schädlich auf unsere Gesundheit aus und er schadet unserer Beziehung sehr. Ein gestresster Mensch hat keine Zeit für die Liebe, er hat keine Zeit für tolle Gespräche und er hat keine Zeit für guten Sex. Wenn der Stress in der Beziehung überhand nimmt, wird all das zwischen einem Paar nicht stattfinden. Auch wenn wir ständig behaupten, dass wir uns genau danach sehnen!

Angst als Ursache von Beziehungsstress

Stress hilft uns dabei, dem Partner auszuweichen, denn die Angst davor uns wirklich zu öffnen und zu zeigen, wie wir sind ist ziemlich groß. Es ist eine Urangst, die uns begleitet und wahrscheinlich viele Ursachen hat. Angefangen bei der Geburt, über die Erfahrungen in der Kindheit und Ausbildungszeit bis hin zu den verletzenden Ereignissen in früheren Beziehungen. Da haben wir alle unsere Ängste über Jahre entwickelt. Sie sind uns nicht so bewusst wie die Angst vor Spinnen oder Flugangst, aber wir alle haben Beziehungsängste. Mit diesen Ängsten stürzen wir uns dann auf unseren Partner und wundern uns, wenn er (oder sie) damit nicht umgehen kann, nicht „richtig“ reagiert oder sich von uns zurück zieht.

Der Beziehungsstress beginnt und wir fragen uns immer häufiger, woher kommt es bloß, dass wir nicht so glücklich und harmonisch miteinander umgehen können, wie wir uns das wünschen?.

Beziehungsstress erkennen

Angst fühlt sich nicht immer wie Angst an, sie versteckt sich auch sehr gerne hinter Wut, Schweigen und Weglaufen. Das sind nun wieder die klassischen Verhaltensweisen beim Beziehungsstress. Wir alle wissen, dass wir im Angstfall eigentlich nur drei Verhaltensmöglichkeiten zur Verfügung haben

  • Angriff
  • Erstarren
  • Flucht

Schau dir mal dein Verhalten im Stressfall ganz genau an. Was tust du oder wie reagierst du? Körperlich mit Tränen, Schweiß und Zittern? Emotional mit Wut, Trauer oder Ärger? Oder spürst du den Stress erst durch dein eigenes Verhalten, weil du sofort losmeckerst oder wegläufst? All diese Reaktionen erfolgen, weil du entweder fliehst, angreifst oder erstarrst. Das ist logisch, denn du hast Angst. So weit, so normal.

Und jetzt vergiss mal für einen Moment den ganzen Beziehungsstress, vergiss sogar für eine Zeit deinen Partner und finde heraus, wovor du eigentlich Angst hast? Möglichkeiten gibt es soviele wie es Menschen gibt. Da ist die Angst,

  • verlassen zu werden
  • hässlich zu sein
  • ausgelacht zu werden
  • körperlich bedroht zu sein
  • finanzielle Armut zu erleiden
  • allein zu sein
  • betrogen zu werden
  • wieder verletzt zu werden
  • uvm.

Woraus auch immer dein ganz persönlicher Angst-Cocktail besteht, guck dir die Zutatenliste genau an und dann mach dich an die Arbeit, nach und nach die giftigen Bestandteile darin zu entdecken.

Wahrscheinlich fragst du dich jetzt, wie du das alles loswerden kannst? Gar nicht. Es geht auch nicht darum etwas loszuwerden, es geht darum, genau hinzugucken.

Rettungsanker Bewusstheit

Angstreaktionen kommen aus dem Teil des Gehirns, den wir das Reptiliengehirn nennen, sie erfolgen reflexartig, dagegen können wir nichts tun.

Und jetzt kommt die gute Nachricht, etwas später schaltet sich der Neokortex ein, dieser ermöglicht uns einen anderen Umgang mit der Angst. Auch wenn er sich erst NACH den zuvor genannten reflexartigen Reaktionen einschaltet, ist er da und wir sollten ihn unbedingt nutzen. Der Neokortex erlaubt uns nämlich, dass wir trotz unserer Angst stehen bleiben und genau hinschauen, was wirklich los ist. Dieses Stehenbleiben und Hingucken hat nichts mit Erstarren zu tun, sondern ganz im Gegenteil, wir wollen ja fühlen und wir wollen ja in den Kontakt mit der Situation gehen. Erstarren sorgt dafür, dass wir nichts mehr fühlen, von dem was vor sich geht und ein Katastrophenfilm vor unserem inneren Auge abläuft. Das bewusste Hingucken bringt uns ins JETZT.

In der Gegenwart sind wir gut aufgehoben

Wenn wir nach dem ersten Schreck ganz genau hingucken, dann gibt es selten wirklich gefährliche Dinge, die wir vorfinden.

Wie gefährlich ist z.B. der Socken, der im Weg liegt? Wie gefährlich sind unsere Gefühle darüber, dass der Socken im Weg liegt?

Wenn wir einfach noch einen Moment innehalten und tief einatmen, haben wir die Wahl. Wir können uns z.B. dafür entscheiden, den Socken aufzuheben und in den Wäschekorb zu legen. Das kostet uns höchstens 30 Sekunden.

Aber natürlich sind wir wütend, weil wir in diesem Socken etwas ganz anderes sehen als nur einen Socken am falschen Platz. Wir sehen in diesem Socken z.B. zu wenig Achtung vom Partner, Überforderung, weil wir immer alles alleine machen müssen usw. All diese Gefühle gehören in den o.g. Cocktail und das einzig sinnvolle, was wir damit machen können ist, sie wahrzunehmen. Sie sind da, aber sie sind nicht so wichtig wie wir denken und sie gehen auch wieder vorbei.

Plötzlich wird uns bewusst, dass unser Partner ja heute diesen wichtigen Termin hatte und wahrscheinlich wirklich keine Zeit da war, die Socken wegzuräumen (so wie wir selbst vorgestern) oder dass er gerade die Kinder ins Bett bringt…. usw. Diese Form der Bewusstheit über die eigenen Gefühle und Reaktionen führt zu der Coolness auch im allergrößten Stress bei sich zu bleiben und klare Ansagen zu machen ohne über zu reagieren.

Glückliche Beziehungen

Die meisten erwachsenen Menschen schaffen es irgendwann in ihrer Beziehung inne zu halten, bevor sie sich schon wieder streiten. Was aber nicht unbedingt zu einer glücklichen Beziehung führt, denn wir fühlen ja diesen ganzen Cocktail trotzdem, wir gehen zwar bewusster damit um und ersparen uns den ständigen Streit, aber glücklicher sind wir trotzdem nicht. Wir sind lediglich vernünftiger geworden.

Glücklicher werden wir, wenn wir darüber hinaus noch einen Schritt weiter gehen und uns überlegen, was brauchen wir gerade in dieser Situation und was können WIR FÜR UNS tun?

Aufhören, ständig von anderen etwas haben zu wollen oder zu erwarten ist wirklich eine gute Sache. Erst dann ist es möglich herauszufinden, was brauche ICH jetzt in diesem Moment? Und wenn wir das, was wir brauchen ernst nehmen und uns auf den Weg machen, es uns selbst zu geben, dann können wir die Ängste überwinden, weil wir SELBSTWIRKSAM werden. Das ist eine der wichtigsten Voraussetzung für eine glückliche Beziehung. Vielleicht wird es erstmal „nur“ eine glückliche Beziehung mit dir selbst. Aber das ist ja ein guter Anfang.

Wenn du jetzt denkt, „aber mein Partner müsste doch… „ NEIN!

Rette deine Beziehung

 

2 Comments

  • Sonja

    Reply Reply 6. November 2016

    „Aufhören, ständig von anderen etwas haben zu wollen oder zu erwarten…“
    Der Satz ist bei mir sofort hängen geblieben 👍.
    Und konkrete Beispiele wie mit der Socke finde ich auch super. 😀

    • Manuela

      Reply Reply 6. November 2016

      Liebe Sonja,
      Danke für deinen Kommentar, ja die Socke war tatsächlich ein Gesprächspunkt in der letzten Beratung. Wir kennen es alle, es sind Kleinigkeiten im Alltag, die unsere Beziehung belasten und manchmal eben wirklich zu Stress führen…
      Herzliche Grüße – Manuela

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